Das Gedächtnis meiner KI-Assistenz besteht heute aus über 600 kleinen Textdateien. Jede hält eine Sache fest, die ich sonst immer wieder neu erklären müsste. Im Konzept stand dafür ursprünglich ein großer Plan mit drei Schichten und Vertrauenswerten. Gebaut wurde er nie, und das Einfachste hat gewonnen.

Für dich in 30 Sekunden
- Was nicht aufgeschrieben ist, hat für eine KI nie stattgefunden. Jede Erklärung, die du zum zweiten Mal gibst, gehört notiert.
- Schreib zu jeder Regel das Warum dazu. Ohne Begründung wird eine Regel stur befolgt oder vergessen.
- Bau das Kleinste, das funktioniert. Einfache Textdateien haben bei mir einen großen Plan mit drei Schichten geschlagen.
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Was ich wollte: ein Gedächtnis für die KI-Assistenz
Wer länger mit einer KI im Chat arbeitet, kennt das: Am nächsten Tag ist alles wieder weg. Die Projekte, die Vorlieben, die Entscheidungen von gestern, alles muss man neu erklären. Im Manifest stand das im März ganz nüchtern unter „Was KIRA nicht kann“: Was nicht im Gedächtnis oder in der laufenden Sitzung steht, ist für KIRA nicht vorhanden.
In meinen Notizen steht die Reihenfolge so: zuerst das kleine Dashboard, danach die Idee mit eigenem Arbeitsplatz, Gedächtnis und Regeln. Das Wissen sollte dauerhaft verfügbar sein, nicht in einzelnen Chats verstreut.
Das Konzept, im ältesten erhaltenen Stand vom 31. März, hat dafür eine Überschrift, die auch über diesem Kapitel steht: Zwei Wege, ein Gehirn. Der eine Weg ist Claude Code in VS Code auf meinem Rechner, der andere die Plattform im Browser und am Handy. Egal wo etwas passiert, es landet in denselben Daten, und keiner der beiden Wege ist führend.
Der Anlass war ganz praktisch: Ich musste mehrmals wiederholen, was ich haben wollte. Also habe ich die KI gefragt, wie wir das lösen können, damit ich nicht immer wieder dieselben Dinge erklären muss. Die Idee dahinter: Die KI weiß es, weil es irgendwo gespeichert ist und sie es nur lesen muss.
Was ich gemacht habe: Erinnerungen als einfache Textdateien
Ein Ordner voller Erinnerungen
Am 10. März um 13:54 Uhr entstand auf meinem Rechner der Ordner, in dem KIRAs Gedächtnis bis heute liegt. So steht es im Dateisystem. Das Prinzip ist denkbar einfach: Jede Erinnerung ist eine kleine Textdatei. Ein Inhaltsverzeichnis mit einer Zeile je Erinnerung wird bei jedem Start geladen, und passt eine Erinnerung zur Aufgabe, liest Claude sie nach.
Eine solche Erinnerung hat immer denselben Aufbau. Hier eine echte, gekürzt. Passend zu dieser Serie ist es die Regel gegen Gedankenstriche:

- Name und Beschreibung. Daran erkennt Claude, ob eine Erinnerung zur Aufgabe passt, ohne sie ganz lesen zu müssen.
- Die Art. Ob es um mich geht, um ein Projekt, um einen Verweis oder, wie hier, um eine Rückmeldung, wie ich arbeiten will.
- Die Sache selbst. Kurz und eindeutig.
- Das Warum. Ohne Begründung wendet eine KI eine Regel entweder stur an oder gar nicht. Mit Begründung kann sie abwägen.
- Die Anwendung. Was konkret zu tun ist, wenn der Fall eintritt.
Der zweite Weg: Notizen vom Handy
Ein Gedächtnis auf dem Rechner hilft nur, wenn ich am Rechner sitze. Den zweiten Weg gab es seit Kapitel 5 schon halb: die Notizen auf der Plattform. Am 14. März bekamen sie eine eigene Tür für Claude Code. Seitdem kann KIRA meine Notizen lesen, anlegen, bearbeiten und als verarbeitet markieren.
Damit wurden die Notizen zu einem Eingangskorb. Was mir unterwegs einfällt, tippe ich am Handy ein, und KIRA findet es am Rechner wieder. Am selben Tag kam ein kleiner Trick dazu: Eine Notiz, die ich dafür kennzeichne, beantwortet KIRA später im Hintergrund selbst. Verarbeitete Notizen räumen sich nach sieben Tagen von selbst auf.
Das Fundament sichtbar gemacht
Am 19. März bekam die Plattform eine Übersicht, die zeigen sollte, was KIRA von einem gewöhnlichen Chatbot unterscheidet. Ganz unten, als Fundament, steht der Wissensspeicher:

„Das LLM ist nur die Spitze. Der echte Wert liegt in den Schichten darunter.“
Aus der Übersicht „KI-Infrastruktur“, März 2026
LLM steht für das große Sprachmodell, bei mir Claude. Es ist austauschbar und wird ohnehin laufend besser. Was es nicht von selbst mitbringt, ist alles darunter: was es über mich und meine Projekte weiß, nach welchen Regeln es arbeitet und welche Daten es erreichen kann.
Was schwierig war: ein großer Plan, der nie gebaut wurde
Der große Plan blieb Papier
Das Konzept beschreibt ein Gedächtnis in drei Schichten: ein Profil darüber, wer ich bin, das sich selten ändert. Ein Kontext darüber, was gerade passiert, der sich täglich erneuert. Und Erkenntnisse, die KIRA über die Zeit sammelt, etwa „Montags sind Kundenmeetings, keine Aufgaben planen, die lange Konzentration brauchen“. Jede Erkenntnis sollte einen Vertrauenswert bekommen, der mit jeder Bestätigung steigt, und alles sollte ständig zwischen Rechner und Server abgeglichen werden.
Gebaut wurde das nie. Die Tabelle für die Erkenntnisse steht schon in der allerersten Datenbank vom 9. März. Im ganzen Versionsarchiv seit dem 31. März greift aber keine einzige Zeile Code darauf zu, und den geplanten Abgleich gab es nie. Nachgemessen wurde das für dieses Kapitel am 18. Oktober.

Stattdessen hat sich das Einfachste durchgesetzt: Textdateien. Sie haben einen Vorteil, den keine Tabelle bietet. Ich kann jede Erinnerung selbst lesen, korrigieren und löschen, und genau das verspricht das Manifest heute auch.
Drei Tage nach dem Manifest
Am 14. März kam mit den Notizen vom Handy auch der erste Autopilot: ein Ablauf, der einmal am Tag im Hintergrund startet, Notizen beantwortet, den Vortag zusammenfasst und Altes aufräumt. Das Manifest vom 11. März sagte da noch: kein autonomes Handeln ohne Auftrag, keine Hintergrundprozesse. Drei Tage hat dieser Satz gestimmt. Auf der Seite stand er noch bis zum 26. August, wie im Kapitel über das Manifest erzählt.
Ein Gedächtnis wächst
Heute liegen in dem Ordner vom 10. März über 600 Dateien. Ein Gedächtnis, das nur wächst, wird irgendwann selbst zum Problem: Zwei Erinnerungen, die dasselbe Thema verschieden beantworten, heben sich gegenseitig auf. Deshalb gilt inzwischen: Bevor eine neue Erinnerung entsteht, wird nachgesehen, ob es sie schon gibt. Wie das Gedächtnis im August einmal gründlich entrümpelt wurde, kommt in einem späteren Kapitel.
Was du daraus mitnehmen kannst: Tipps für das Gedächtnis deiner KI
- Fang mit Textdateien an. Eine Erinnerung je Datei, dazu ein Inhaltsverzeichnis. Das reicht weiter, als man denkt.
- Schreib das Warum dazu. Eine Regel ohne Begründung wird stur befolgt oder vergessen.
- Gib deinem Wissen zwei Zugänge. Was du am Handy notierst, soll die KI am Rechner finden, und umgekehrt.
- Bau das Kleinste, das funktioniert. Der große Plan mit drei Schichten wurde nie gebraucht.
- Halte das Gedächtnis deiner KI lesbar. Was die KI über dich weiß, solltest du jederzeit selbst nachlesen und löschen können.
Ohne selbst zu programmieren
Leg einen Ordner an, schreib je Thema eine kurze Textdatei und dazu eine Übersicht mit einer Zeile je Datei. In Claude und in ChatGPT kannst du solche Dateien in einem Projekt als Wissen hinterlegen, dann kann die KI sie in jedem Gespräch dieses Projekts heranziehen. Bei vielen Dateien sucht sie sich allerdings nur die passenden Stellen heraus, statt alles zu lesen. Wichtiger als das Werkzeug ist die Gewohnheit. Frag am Ende eines guten Gesprächs: „Was davon sollte ich mir für das nächste Mal aufschreiben, und wie lautet das in drei Sätzen?“
Fragen, die du der KI stellen kannst
- „Was solltest du dir über mich und meine Projekte merken, damit du mir beim nächsten Mal besser helfen kannst?“
- „Schreib diese Regel als Erinnerung, mit Begründung und Anwendung, so dass du sie auch in einem halben Jahr noch richtig verstehst.“
- „Zeig mir alle Erinnerungen, die zu diesem Thema etwas sagen, und nenn mir jede, die einer anderen widerspricht, mit Dateinamen.“
Merksatz:
Was nicht aufgeschrieben ist, hat für eine KI nie stattgefunden.
Wie es weitergeht: das Ende der ersten Staffel
Mit diesem Kapitel endet die erste Staffel, und das Logo oben auf der Übersicht steht in seiner ursprünglichen Form vollständig da. Was ab jetzt dazukommt, wächst darum herum.
In knapp einer Woche hatte KIRA einen geschützten Ort, einen Namen, ein Gesicht, ein Dashboard, Regeln, einen Tresor und ein Gedächtnis. Aktiv wurde sie aber nur, wenn ich mit ihr sprach.
Im April bekam sie Kollegen, die von selbst arbeiten, und eine Kollegin schrieb Artikel, die jedes Mal ein bisschen anders aussahen, obwohl ihr Auftrag immer genauer wurde. Woran das lag und was am Ende half, erzähle ich in Kapitel 9.
Was du noch wissen solltest
Viele Chat-Anwendungen bieten inzwischen eine Erinnerungsfunktion, die sich Vorlieben und Fakten aus früheren Gesprächen merkt. Das ist bequem für den Alltag. Wie viel du davon einsehen und ändern kannst, hängt aber vom Anbieter ab, und das Wissen bleibt in dieser einen Anwendung. Ein eigener Ordner mit Textdateien gehört dir: Du kannst jede Zeile lesen und ändern, und jedes Werkzeug, das Dateien liest, kann damit arbeiten.
Weil das Kontextfenster begrenzt ist, also der Text, den das Modell in einem Gespräch auf einmal sehen kann. Jeder geladene Text kostet dort Platz, und je nach Abrechnung auch Geld oder einen Teil deines Abo-Kontingents. Dazu kommt: Je mehr Unpassendes im Fenster steht, desto leichter übersieht das Modell das Wichtige. Darum lohnt sich ein kurzes Inhaltsverzeichnis, das immer mitkommt, und die ganze Erinnerung erst, wenn sie zur Aufgabe passt.
Regeln stehen bei Claude Code zum Beispiel in einer Datei namens CLAUDE.md, die bei jedem Start vollständig mitgeladen wird, sie gelten also immer. Im Gedächtnis steht dagegen Wissen für bestimmte Fälle, das nur gelesen wird, wenn es gebraucht wird. Als Faustregel: Was bei jeder Aufgabe gelten soll, gehört in die Regeln, was nur manchmal wichtig ist, ins Gedächtnis.
Passwörter und Zugangsdaten gar nicht, und Daten über andere Menschen nur so weit, wie du sie auch dem Anbieter des Sprachmodells anvertrauen darfst. Die Dateien liegen als gewöhnlicher Text auf dem Rechner, und was geladen wird, geht bei jeder Anfrage mit an den Anbieter des Sprachmodells. Für Zugänge gehört ein Tresor her, im Gedächtnis steht höchstens, wo sie liegen.
